Die “Zukunfts-Hilde des Monats”

Hildesheim, 01. Mai 2021

Zukunfts-Hilde geht im Mai an die regionale Solidarische Landwirtschaft

Freude bei den SOLAWI-Akteuren über die Auszeichnung mit der Zukunfts-Hilde im Magdalenengarten. Von links: Mona Sandmann, Anna Knetsch, Superintendent Mirko Peisert, Nicole, Daniel und Luis Pohnert, Michaela Grön und André Brun. Nicht auf dem Bild ist Martin Ingelmann. Foto: Wiebke Barth

Kreis Hildesheim.  Gemüse wie aus eigenem Anbau: Garantiert regional, garantiert ökologisch – das möchten viele Verbraucher auf dem Teller haben. Viele Anbauer möchten es auch so machen, stehen jedoch unter dem Druck, eine üppige Ernte einfahren zu müssen und Pflanzen zu produzieren, die auf dem Marktstand äußerlich makellos wirken.  Die Solidarische Landwirtschaft (SOLAWI) bringt beide Seiten zusammen: Die Verbraucher werden zu Mitgliedern. Sie zahlen jeden Monat eine feste Summe an den Gartenbauer und erhalten dafür, was er erntet.

Der Landwirt erhält durch finanzielle Sicherheit die Freiheit, Boden und Pflanzen Zeit zu geben, den Anbau alter Sorten auszuprobieren, ohne Gift auch mal eine Missernte zu riskieren. Bei den Produkten kommt es auf Geschmack und Inhaltsstoffe an, nicht auf ein geglättetes Aussehen. Angebot und Nachfrage sind in Balance; Risiken werden solidarisch getragen. Da Mitglieder die Möglichkeit haben, auf dem Feld mitzuarbeiten, können sie auch etwas über die Entstehung ihrer Lebensmittel lernen.

Die Solidarische Landwirtschaft nimmt in der Region Hildesheim gerade Fahrt auf. Für Rückenwind sorgt dabei eine Auszeichnung: Das Netzwerk öko, fair & mehr verleiht der SOLAWI die Zukunfts-Hilde des Monats Mai. Im Einzelnen gehen die Urkunden an Martin Ingelmann und die NaturGärtnerei und SOLAWI Hannover, an Mona Sandmann und die SOLAWI Immergrün, an Anna Knetsch und HazelsFarm, an André Brun und die SOLAWI Sonnengarten sowie an Daniel und Nicole Pohnert. Ihre HildesFarm steht in den Startlöchern, aber die beiden Newcomer haben noch kein Land für die Verwirklichung ihres Traums gefunden.

Das Netzwerk öko, fair & mehr verleiht ein Jahr lang jeden Monat die Zukunfts-Hilde an ein Projekt in der Region Hildesheim, das Nachhaltigkeit, Klimaschutz und globale Gerechtigkeit fördert. Der Preis soll das Engagement der Akteure würdigen und den Ideen Sichtbarkeit verschaffen. Für das Auswahlgremium im Netzwerk standen die SOLAWIS ganz oben auf der Liste der Kandidaten, sagt Michaela Grön. „Jenseits von Massenprodukten, hoher Spezialisierung und anonymer Versorgung sind SOLAWIs Orte der Achtsamkeit füreinander, für Erde, Pflanzen und Tiere. Dadurch erhalten Lebensmittel ihren Wert zurück.“

Geburtsstunde des Netzwerks war ein Vortrag Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäckers in der Martin-Luther-Kirche im Dezember 2018, begleitet von einer Ausstellung von Initiativen für Nachhaltigkeit und fairen Handel, organisiert von Michaela Grön. Sie hatte gerade das Projekt Lernen eine Welt zu sein im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt gestartet und nahm den Schwung der Akteure für die Gründung des Netzwerks auf. Der Kirchenkreis ermöglicht Michaela Grön die Ressourcen, das Netzwerk voranzubringen und zu koordinieren. „Aus anfangs 25 sind inzwischen 47 Netzwerk-Partner geworden“, sagt Superintendent Mirko Peisert. „Da ist richtig Power drin.“

Die SOLAWI-Betriebe haben sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten; gemeinsam ist ihnen die Überzeugung der Akteure, auf dem richtigen Weg zu sein. Nachdem Martin Ingelmann 1992 die Gärtnerei seiner Eltern in Algermissen übernommen hatte, stellte er auf biologischen Anbau um; seit 2018 arbeitet er als SOLAWI und NaturGärtnerei.  Rund 220 Haushalte versorgt sein Betrieb mit Gartenerzeugnissen, er nimmt noch neue Mitglieder an. Sein Boden sei bereits gut auf die ökologische Bewirtschaftung eingestellt, da seien drei Ernten im Jahr möglich. „Boden kann im Sommer und Winter Ertrag bringen, wenn er gut behandelt wird“, sagt Ingelmann.

Erst Anfang des Jahres hat Mona Sandmann ihre SOLAWI Immergrün gegründet und hat jetzt 22 Mitglieder. Ihre erste Ernte: Radieschen. Dass die Abnehmer nicht sofort Kisten voller Gemüse erhalten würden, sei allen klar gewesen, sagt Mona Sandmann. Mit André Brun, einem weiteren Neueinsteiger, tauscht sie sich häufig aus. Brun hat Gartenbauwissenschaft studiert und ist vom Konzept der Permakultur begeistert, bei dem die Flächen das ganze Jahr genutzt werden. Sein Land sei lange konventionell bebaut worden, er müsse den Boden erst bereiten, erklärt Brun. Neben dem Gartenbau gehört auch eine Obstplantage zu seinem Betrieb. Bei ihm wachsen unter anderem Sanddorn, Physalis, Felsenbirnen oder Esskastanien: „Alles, was möglich ist, und was lecker ist.“ Er fühlt sich bestärkt durch die Abnehmer: „Weil ich merke, dass es den Leuten was bedeutet.“

Daniel Pohnert ist eigentlich Opernsänger, seine Frau Nicole Tänzerin – keine krisenfesten Berufe, wie beide in der Corona-Zeit feststellen mussten. Da sie seit 14 Jahren einen Schrebergarten bewirtschaften und die SOLAWI-Idee sie überzeugt, wollen sie nun auch eine gründen. Abnehmer haben sie schon, aber kein Land. Wer nahe Hildesheim etwas zu verpachten hat, kann sich unter nikibau@freenet.de melden.

Für das Unternehmen Kosmogrün ist die SOLAWI einer von drei Geschäftszweigen. Nach ihrem Masterstudium Global Studies mit Schwerpunkt Humanökologie und Nachhaltige Entwicklung in Schweden hat Anna Knetsch zusammen mit ihrem Bruder Nikolas 2020 Kosmogrün in Hildesheim gegründet. Neben HazelsFarm mitten in Asel – wo unter anderem Wein angebaut wird – gehören dazu Büroräume, in denen Coworking stattfindet, sowie Beratung und Workshops für Unternehmen und Kommunen, die sich nachhaltiger aufstellen wollen.

„Über die Unternehmen kann man die Region verändern“, meint Anna Knetsch. Umweltbewusstsein sei nicht nur eine Imagefrage, es schaffe Attraktivität für gut ausgebildete Fachkräfte. Was ihr gefällt: Oft seien es die Kinder der Unternehmensleitungen, die ihre Eltern zu mehr Nachhaltigkeit drängen: „Das finde ich richtig cool.“  Wiebke Barth

Hildesheim, 16. April 2021

Auszeichnung für Hilde Lastenradverleih

Wer eine Hilde sieht, freut sich

Netzwerk öko, fair & mehr startet Jahreskampagne „Zukunfts-Hilde des Monats“ mit Preis für einen Beitrag zu nachhaltiger Mobilität.

Unterstützung für Hilde Lastenrad: Michaela Grön und Norbert Frischen als Vertreter*innen vom Netzwerk öko, fair & mehr zusammen mit Tinka Dittrich.

Hildesheim. Eine Stadtplanung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, mit einer Infrastruktur, die Radfahren auch für Kinder und Senior*innen sicher macht, das ist für Tinka Dittrich kein ferner Traum, sondern ein klares Zukunftsziel. Sie hat ihren Beitrag geleistet, als sie unter dem Dach des ADFC Hildesheim e.V. den kostenfrei nutzbaren Hilde Lastenradverleih ins Leben gerufen hat. Jetzt wird das Projekt ausgezeichnet als Zukunfts-Hilde des Monats April. „Ich freue mich über die Auszeichnung“, sagt Tinka Dittrich, „dadurch erreichen wir eine größere Reichweite.“

Das soll nicht nur dem Hilde Lastenradverleih zur Verbreitung verhelfen, sondern auch politischen Druck erzeugen. Damit die Vision von der menschenfreundlichen und fahrradfreundlichen Stadt näher rückt: „Radfahren in Hildesheim darf keine Frage des Mutes sein“, betont Tinka Dittrich. Sie wünscht sich eine Personalstelle bei der Stadtverwaltung, die speziell für die Radverkehrsplanung zuständig ist.

Die Zukunfts-Hilde für den Lastenradverleih ist die erste Auszeichnung in einer Reihe: Das Netzwerk öko, fair & mehr will durch den Preis ein Jahr lang jeden Monat ein Projekt für die nachhaltige Entwicklung der Region besonders hervorheben. Mit der Jahreskampagne sollen diese Initiativen mehr Aufmerksamkeit und Ausstrahlung erhalten, genauso die Menschen, die dahinter stehen.

Im Februar 2020 ist das Netzwerk öko, fair & mehr gegründet worden. Aus der zuvor lockeren Zusammenarbeit wurde ein festes Bündnis: Gruppen, Initiativen, Unternehmen, Kirchen, Religionsgemeinschaften und Institutionen bündeln ihre Kräfte, um die Region Hildesheim in Sachen Nachhaltigkeit voranzubringen.

Die Corona-Krise bremste den Tatendrang der heute 47 Akteure aus. Die Möglichkeiten öffentlicher Präsenz waren stark eingeschränkt. Mit der Jahreskampagne Zukunfts-Hilde des Monats steuert das Netzwerk dagegen und will innovative und zukunftsfähige Projekte ins öffentliche Blickfeld rücken. Künftig gibt es zur Auszeichnung auch eine hochwertige Urkunde, erzählt Projekt-Koordinatorin Michaela Grön. „An der künstlerischen Umsetzung arbeiten aktuell die Künstler*innen vom Atelier Wilderers von proTeam Himmelsthür, das ebenfalls Mitglied im Netzwerk ist.“

Tinka Dittrich erlebte den Kick für ihren persönlichen Einsatz 2015. Damals sah sie eine Dokumentation über den Architekten Jan Gehl und seine Wirkung auf die Stadtentwicklung Kopenhagens. Das zeigte ihr: Veränderung ist wirklich möglich. Dazu wollte sie in ihrer Studienstadt Hildesheim beitragen. Tinka Dittrich erreichte eine zweijährige Förderung durch das Bundesumweltministerium und baute den Lastenradverleih auf.

Im Oktober 2020 ist die Förderung ausgelaufen, seither funktioniert das Projekt ehrenamtlich. Über die Homepage hilde-lastenrad.de können Interessierte inzwischen neun Räder kostenfrei online buchen. Die Räder mit so klangvollen Namen wie Swanhilde, Brunhilde oder Hildegard sind teilweise mit Elektro-Motor ausgestattet. Gewerbetreibende wie Lebensmittelgeschäfte oder Gaststätten dienen als Stationen und handhaben die Übergabe der Räder.

Die Lastenräder benötigen allerdings auch eine regelmäßige Wartung, die ein Stamm von etwa 15 Ehrenamtlichen übernommen hat. Jeweils zwei Paten pro Rad schauen regelmäßig nach, ob alles funktioniert, die Reifen aufgepumpt sind. „Es gibt das Projekt nur, weil es die tollen Ehrenamtlichen gibt“, sagt Tinka Dittrich. Wartung und Versicherungen für die Lastenräder verursachen aber auch Kosten, für die der Lastenradverleih auf Spenden angewiesen ist: „Ob das Geld reicht, zeigt sich am Ende des Jahres“, meint die Initiatorin.

Norbert Frischen, Vorsitzender im Verkehrsclub Deutschland Kreisverband Hildesheim, sieht den Verleih auch als Möglichkeit zum Ausprobieren. Er kennt Familien, die sich danach selbst ein Lastenrad angeschafft und dafür auf ein Auto verzichtet haben. Inzwischen seien die Räder täglich in der Stadt zu sehen: „Und wenn man eine Hilde sieht, dann freut man sich immer“, findet Norbert Frischen. 850 Menschen haben sich bisher als Nutzer bei Hilde Lastenrad registriert. Sie erledigen Einkäufe mit den Rädern, bringen ihre Pfandflaschen weg oder nehmen ihre Kinder mit auf einen Fahrradausflug.

Bei der Sichtbarkeit im Hildesheimer Stadtbild soll es aber nicht bleiben: Die Verbreitung in den Landkreis ist erklärtes Ziel. Die Gemeinde Harsum hat bereits zwei Lastenräder angeschafft, wenn Stationen und Ehrenamtliche gefunden sind, lassen auch diese Räder sich über das Portal von Hilde ausleihen. Der Gemeinderat Diekholzen hat gerade auf Antrag der Grünen die Anschaffung eines Lastenrades beschlossen, vorausgesetzt es findet sich eine Station. Einen Paten gibt es schon.

In der Gemeinde Algermissen startet eine Spendenkampagne auf der Plattform Betterplace.org, berichtet Andre Cartschau von der örtlichen Klimaschutz-Gruppe. Der TV Eintracht Algermissen hat sich hinter das Projekt gestellt, damit Betterplace Spendenbescheinigungen ausstellen kann. Außerdem ist der Sportverein ein idealer Multiplikator. Bei einem Rad soll es möglichst nicht bleiben, hofft Andre Cartschau: Er stellt sich langfristig ein Lastenrad für jede Ortschaft der Gemeinde vor, damit niemand einen weiten Weg zur Station hat.

Für das Netzwerk ist der Lastenradverleih ein wichtiger Baustein für die Verkehrswende und außerdem ein gutes Beispiel für Sharing Economy. „Es muss nicht jede alles selbst besitzen“, sagt Michaela Grön, „man kann auch teilen.“