Die “Zukunfts-Hilde des Monats”

Hildesheim, 02. Januar 2022

Picknickpausen auf dem Weg zum Wandel: nicht Verzicht, sondern Spaß

Green Office der Stiftung Universität HNetzwerk öko, fair & mehr zeichnet Faserwerk und Urban Places Reloaded der Kulturfabrik Löseke mit der Zukunfts-Hilde für Januar ausildesheim erhält die Zukunfts-Hilde des Netzwerks öko, fair & mehr

Bei der Übergabe der Zukunfts-Hilde vor dem Faserwerk (von links): Daniel Gad, Jana Kegler, Stefan Könneke und Michaela Grön. Foto: Wiebke Barth

Hildesheim. Es wird ja gern behauptet, Hildesheim laufe aktuellen Entwicklungen und Trends immer mit zehn Jahren Verspätung hinterher. Auf das Faserwerk und Urban Places Reloaded, beides Projekte der Kulturfabrik Löseke, trifft das aber eindeutig nicht zu, sagt Daniel Gad vom Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim: „Hier ist Hildesheim am Puls der Zeitgeschichte.“ Für diese Projekte erhält die KUFA daher die Zukunfts-Hilde des Monats Januar. Das Netzwerk öko, fair & mehr zeichnet mit der Zukunfts-Hilde regelmäßig regionale Initiativen und Gruppen aus, die sich beispielhaft für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und globale Gerechtigkeit einsetzen.

Mit ihren Projekten ist die Kulturfabrik Löseke aus ihrem Gebäude am Langen Garten herausgetreten in die Stadt. Dabei geht es auch um Barrierefreiheit, sagt KUFA-Geschäftsführer Stefan Könneke. In die Kulturfabrik kämen eben nicht alle, wie auch nicht alle ein Theater oder Museum betreten. Mit dem Faserwerk ist am Ottoplatz in der Nordstadt ein offener Treff entstanden, wo Menschen einfach auf einen Klönschnack bei Tee der Kaffee vorbeischauen können. Angeschlossen ist ein Second-Hand-Shop für Textilien und eine offene Nähwerkstatt. Hier gibt es Platz, Nähmaschinen und Material, um Kleidung selbst herzustellen oder einfach Lieblingsstücke durch Reparatur zu retten. Wer das noch nicht kann, lernt es von anderen oder in einem der Workshops.

Zum Faserwerk gehört auch, den Ottoplatz selbst zu einem Ort der Begegnung zu machen, zum Beispiel mit Bänken und selbstgebauten Windschutzwänden, oder auch mit Aktionen wie dem Wintermarkt der selbstgemachten Schätze im November oder der Pflanzentauschbörse im Mai. Das Faserwerk ermöglicht dadurch die Begegnung ganz unterschiedlicher sozialer Gruppen, verbunden durch ein gemeinsames Interesse, erläutert Koordinatorin Jana Kegler. Unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Alter kommen zum Beispiel bei der Tauschbörse Menschen als Fachkundige ihrer selbst gezüchteten Ableger zusammen. „2022 wollen wir weiter verfolgen, was wir begonnen haben“, so Jana Kegler.

Das Projekt Urban Places Reloaded soll generell dazu beitragen, öffentliche Plätze in der Stadt neu zu beleben und gleichzeitig Bürgerinnen und Bürger stärker in Entscheidungsprozesse für die Entwicklung der Stadt einzubeziehen und zu aktivieren. Das geschah zuerst mit Aktionstagen auf dem Angoulêmeplatz, der im Stadtgeschehen meist links liegengelassen wird. Im Wahljahr 2021 gab es eine Open-Air-Podiumsdiskussion mit Kandidatinnen und Kandidaten aus der Kommunalpolitik im Ehrlicher-Park. Für die Zukunft 2022 tritt Urban Places Reloaded in Phase drei ein: Einzelne Straßen oder kleine Gebiete sollen für jeweils ein Wochenende autofrei werden, sagt Stefan Könneke. Dann werde das Gefühl einer autofreien Stadt erlebbar, kämen Ideen auf, was sich mit dem gewonnenen Raum anfangen ließe.

Auch wenn es sich um soziale und nachhaltige Projekte handelt, liegt für die Kulturfabrik Löseke stets ein Schwerpunkt eben auf der Kultur. Sie ermöglicht es, auf einem langen Weg immer wieder Pausen einzulegen mit Veranstaltungen, die diesen eingeschlagenen Weg und das Zwischenziel feiern, die Freude machen und Geselligkeit mit sich bringen. Echte Kraftspender für die nächste Wegstrecke – wie eine Picknickpause auf einer langen Wanderung, meint Stefan Könneke. Den Wert der Kultur für die Stadtentwicklung hätten inzwischen auch Politik und Wirtschaft erkannt: „Wir werden nicht mehr nur als Antragsteller wahrgenommen.“

Das hat die Kulturfabrik auch durch sehr viel Kooperation erreicht. In der Nordstadt sei der Verein „super vernetzt“, erklärt Stefan Könneke. Gerade dieser divers aufgestellte Stadtteil, in dem Menschen aus vielen Nationen zuhause sind, eigne sich dafür, Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Die Vernetzung der KUFA reicht allerdings auch weit über die Nordstadt hinaus in die ganze Stadt – gut sichtbar am Graffiti an der Fassade des Panoramahauses in der Schuhstraße. An der Gestaltung war die Kulturfabrik als ideengebender Projektpartner beteiligt.

Die KUFA setze nicht nur auf lokales und ressourcensparendes Handeln, erklärt Daniel Gad, sondern zeige darüber hinaus: „Wo macht nachhaltiges Handeln Spaß, tut gut und vermittelt das gute Gefühl, etwas besser gemacht zu haben.“ Ganz im Sinne von Stefan Könneke: Für den Wandel der Gesellschaft sei ein Wandel der Werte Voraussetzung, sagt er. Mehr Wachstum für mehr Wohlstand sei noch immer die Devise. Doch mehr Wohlstand bedeute eben nicht immer mehr Konsum und Besitz, sondern dass es den Menschen gut gehe. „Wir müssen andere Werte in den Fokus bringen und erlebbar machen.“

Das meint auch Michaela Grön, Koordinatorin des Netzwerks öko, fair & mehr und Leiterin des Projekts „Lernen eine Welt zu sein“ im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt: „Wir wollen zeigen: sozialer und ökologischer Wandel der Gesellschaft bedeutet nicht Verzicht und Traurigkeit, sondern weckt Entdeckergeist und macht Spaß.“ 

Wiebke Barth